Mobbing Am Arbeitsplatz: Anzeichen Erkennen, Bevor Es Krank Macht

Fachlich geprüft von Dora Matis, Dr. med.
Aktualisiert 7. Oktober 2026 von BetterHelp Redaktionsteam

Sonntagabend. Du merkst, wie sich dein Magen zusammenzieht, obwohl du morgen nur ganz normal arbeiten gehst.

Im Meeting wirst du wieder unterbrochen. Die Nachricht, die du in den Teamchat geschrieben hast, bleibt unbeantwortet, bis jemand anderes dasselbe schreibt und dafür ein Daumen-hoch bekommt. Der Fehler im Projekt landet bei dir, obwohl drei Leute daran beteiligt waren.

Jede dieser Situationen für sich? Halb so wild. Kann passieren.

Aber es passiert eben nicht einmal. Es passiert seit Monaten. Und genau das ist der Punkt, an dem aus Pech ein Muster wird.

Was zählt als Mobbing und was nicht?

Mobbing beschreibt einen Prozess, bei dem Betroffene wiederkehrenden und anhaltenden, schädigenden Verhaltensweisen ausgesetzt sind: Anfeindung, Belästigung, Ausgrenzung, Schikane und Bloßstellung (BAuA).

Drei Merkmale machen den Unterschied:

Systematik. Es ist kein einmaliger Ausrutscher, sondern wiederholt sich. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung setzt als Faustregel an: im Regelfall mindestens wöchentlich.

Dauer. Wochen bis Monate, nicht ein schlechter Nachmittag. Als Orientierung nennt die DGUV mindestens drei Monate.

Machtungleichgewicht. Du könntest dich kaum auf Augenhöhe wehren, weil die andere Seite mehr Einfluss, mehr Verbündete oder schlicht die formale Position hat.

Was ausdrücklich nicht dazugehört, formuliert die DGUV so: „Streit unter gleich starken Parteien oder einmalig vorkommende Ungerechtigkeiten, Krach oder Hänseleien werden nicht dem Mobbing zugeordnet.“

Und noch etwas ist kein Mobbing, auch wenn es sich unangenehm anfühlt: sachlich begründete Arbeitsaufträge, Anordnungen oder disziplinarische Maßnahmen, die aus dem Weisungsrecht stammen und niemanden grundlos benachteiligen.

Die Abgrenzung ist keine Spitzfindigkeit, sondern könnte dir helfen, deine Situation realistisch einzuschätzen, statt monatelang zwischen „ich bilde mir das ein“ und „alle sind gegen mich“ hin und her zu pendeln.

Wie häufig ist Mobbing in Deutschland?

Lange stützten sich Zahlen auf eine Studie aus dem Jahr 2002. Seit 2025 gibt es Besseres.

Im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales befragten Forschende der Universität Leipzig und der TU Dresden 5.015 abhängig Erwerbstätige. Das Ergebnis: 6,5 Prozent waren innerhalb von sechs Monaten von Mobbing am Arbeitsplatz betroffen (DGUV forum 7-8/2025).

Aufgeschlüsselt heißt das: 4,4 Prozent erlebten Mobbing durch Kolleg:innen, 3,5 Prozent durch Vorgesetzte.

Besonders auffällig ist der Altersunterschied. Bei den 18- bis 29-Jährigen lag der Anteil bei 11,4 Prozent, bei den 50- bis 59-Jährigen bei 3,2 Prozent. Wenn du jung im Job bist und dich fragst, ob das normal ist: Statistisch gesehen trifft es deine Altersgruppe am häufigsten.

Woran erkennst du Mobbing im Alltag?

Der Mobbing-Forscher Heinz Leymann hat typische Handlungen in fünf Bereiche sortiert, und diese Einteilung gibt die DGUV bis heute so wieder:

  • Angriffe auf die Kommunikation: ständiges Unterbrechen, Anschreien, Dauerkritik, Drohungen
  • Angriffe auf soziale Beziehungen: Kontaktverweigerung, räumliche Isolation, Ausgrenzung
  • Angriffe auf das soziale Ansehen: Gerüchte, Lächerlichmachen, Verdächtigungen, Beleidigungen
  • Angriffe auf die Arbeitssituation: Aufgabenentzug, sinnlose Aufträge, systematische Über- oder Unterforderung
  • Angriffe auf die Gesundheit: Gewaltandrohung, körperliche Übergriffe

Die Liste ist nicht abschließend, betont die DGUV ausdrücklich.

Wie sich das konkret anfühlt, zeigt die Leipziger Studie. Von den Betroffenen berichteten:

  • 47,3 % dass man sie absichtlich unterbrochen hat
  • 39,6 % dass auf ihr Ansprechen keine Reaktion kam
  • 32,8 % dass man ihnen Fehler angelastet hat
  • 16,1 % dass man ihnen Einfluss- oder Tätigkeitsbereiche entzogen hat

Fällt dir etwas auf? Das sind alles Dinge, die du einzeln kaum melden könntest, ohne dich zu fragen, ob du überempfindlich bist.

Genau deshalb wird Mobbing so oft spät erkannt.

Wie sich Mobbing mit der Zeit verändert

Leymann hat auch beschrieben, wie solche Situationen typischerweise eskalieren. Als grobe Orientierung, nicht als festes Gesetz:

Am Anfang steht ein ungelöster Konflikt. Sachlich, harmlos, aber niemand klärt ihn.

Dann verschiebt sich etwas. Aus der Sache wird eine Person, und das Verhalten richtet sich nicht mehr gegen das Problem, sondern gegen dich. Du wirst vorsichtiger, vielleicht auch gereizter oder stiller. Andere ziehen sich zurück.

In der dritten Phase wird daraus ein offizieller Vorgang. Konzentrationsprobleme, Fehler und Fehltage häufen sich, und plötzlich giltst du als schwierig. Die Führung reagiert dann auf die Symptome statt auf die Ursache.

Am Ende steht oft der Ausschluss: Kündigung, Aufhebungsvertrag oder längere Arbeitsunfähigkeit.

Wenn du dich in Phase zwei wiedererkennst, wäre das kein schönes Gefühl. Es wäre aber genau der Zeitpunkt, an dem du noch den meisten Handlungsspielraum hättest, weil noch nichts aktenkundig ist und sich die Rollenverteilung im Team noch nicht verfestigt hat.

GUT ZU WISSEN

Betroffene von Mobbing hatten in der Leipziger Studie im Mittel 22,6 Krankheitstage pro Jahr, nicht betroffene Beschäftigte 11,4 Tage. Die eigene Gesundheit bewerteten 23,8 Prozent der Betroffenen als „weniger gut“ oder „schlecht“, verglichen mit 10,1 Prozent der Nicht-Betroffenen.

Was Mobbing mit dir macht

Vielleicht merkst du es zuerst gar nicht am Job, sondern am Schlaf.

Als typische Folgen nennt die DGUV Ein- und Durchschlafstörungen bei chronischer Ermüdung, psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Herzrasen, Erschöpfung, Ängste und Konzentrationsstörungen. Die BAuA beschreibt, dass Mobbingerfahrungen unter anderem depressive Symptomatiken, Angststörungen und emotionale Erschöpfung begünstigen können.

Was dabei besonders zermürbt, ist der Zweifel. Bin ich zu empfindlich? Habe ich das provoziert? Warum trifft es ausgerechnet mich?

Solche Fragen sind verständlich, und sie führen fast immer in die falsche Richtung. Mobbing entsteht nämlich selten wegen einer Eigenschaft der betroffenen Person, sondern in einem Umfeld, in dem Konflikte über Wochen ungeklärt bleiben, in dem niemand eingreift und in dem Wegsehen einfacher ist als Hinsehen.

Du bist nicht das Problem. Du bist die Person, an der sich ein ungelöstes Problem entlädt.

69 %
der BetterHelp Mitglieder nutzen eines oder mehrere der Wellness Tools
Source : State of Stigma Report, Mai 2025
Die meistgenutzten Tools
Arbeitsblätter
Ziele Tool
Tagebuch
Stimmungstracker

Was du konkret tun kannst

Führe ein Mobbing-Tagebuch. Notiere Datum, Uhrzeit, Ort, was genau gesagt oder getan wurde, wer dabei war und wie du reagiert hast. Halte auch Beschwerden und Arztbesuche fest. Ein solches Tagebuch ist kein Beweis im juristischen Sinn. Wenn es schlüssig wirkt, wird es vor Gericht aber meistens als aussageerleichternde Unterlage anerkannt (betriebsrat.de). Empfohlen wird, über einen längeren Zeitraum zu dokumentieren, etwa mindestens sechs Monate.

Sprich früh im Betrieb an. Die DGUV rät, Vorfälle unverzüglich zu melden, etwa bei Vorgesetzten, dem Betriebs- oder Personalrat, dem Betriebsarzt oder der Personalabteilung. Der Betriebsrat kann dich in Personalgesprächen begleiten und bei Schlichtungsgesprächen unterstützen.

Kenne den Rahmen. In Deutschland gibt es kein eigenes Mobbing-Gesetz. Es greifen allgemeine Regelungen: Arbeitgeber sind verpflichtet, auf das Wohl und die berechtigten Interessen ihrer Beschäftigten Rücksicht zu nehmen und sie vor Gesundheitsgefahren zu schützen, auch vor solchen psychischer Art (Bundesarbeitsgericht, 8 AZR 351/15). Wenn die Anfeindungen an Merkmale wie Herkunft, Geschlecht, Alter, Religion, Behinderung oder sexuelle Identität anknüpfen, kann zusätzlich das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz relevant sein. Für deinen Einzelfall wäre eine arbeitsrechtliche Beratung sinnvoll.

Hol dir jemanden von außen dazu. Kolleg:innen sind Teil des Systems, Freund:innen wollen dich trösten. Beides tut gut, ersetzt aber keinen neutralen Blick von außen auf deine Lage. Wenn die Belastung anhält und sich körperlich bemerkbar macht, wäre auch psychotherapeutische Unterstützung ein Weg, über den du mit deiner Hausärzt:in sprechen könntest.

Warum Reden bei Mobbing nicht optional ist

Wie gut onlinebasierte Angebote bei arbeitsbezogener Belastung wirken können, wurde in Deutschland untersucht. In einer Pilotstudie mit 62 Beschäftigten verglichen Forschende der Universität Lüneburg ein Online-Gruppentraining zur Stressbewältigung mit einem webbasierten Einzeltraining. Beide Formate senkten die Stressbelastung deutlich (Effektstärken d = 0,9 beziehungsweise d = 1,3), ohne bedeutsamen Unterschied zwischen den Formaten (Frontiers in Psychology, 2025). Was die Zahlen nicht hergeben: Es war eine Pilotstudie mit kleiner Stichprobe und ohne unbehandelte Vergleichsgruppe, und untersucht wurde allgemeiner Arbeitsstress, nicht Mobbing im Speziellen. Die Autor:innen selbst weisen auf die begrenzte Aussagekraft hin.

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Fazit

Mobbing erkennst du nicht an einem einzelnen Vorfall, sondern an der Wiederholung: dieselben Muster, über Wochen, ohne dass du dich auf Augenhöhe wehren könntest. Die deutschen Zahlen zeigen, dass das keine Randerscheinung ist und dass es sich auf Gesundheit und Fehltage niederschlägt.

Was dir am meisten Spielraum verschafft, ist früh anzufangen: aufschreiben, im Betrieb ansprechen, dir Unterstützung von außen holen. Wer dafür die richtige Adresse ist, hängt davon ab, was du gerade am dringendsten brauchst: der Betriebsrat, wenn es um deine Position im Betrieb geht, eine psychologische Berater:in, wenn dich vor allem die Belastung zermürbt. Nur schweigend aussitzen solltest du es nicht.

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